Auch Corona-Eltern? Nee, Orangen-Presse!

Insta-Papa

Bei uns im Obst-Fach gehen die Orangen aus. Das war nicht immer so. Zumindest nicht, solange ich im Corona-Zeitalter zurückdenken kann. Und ich habe das Gefühl, dass das „vor“ und „nach“ Corona in meinem Leben zur Zeit ungefähr gleich lang sind…

Boah, das war jetzt aber ganz schön über-dramatisiert. Natürlich weiß ich, dass meine paar ’n dreißig Jahre vor Ausbruch von Covid-19 länger waren als dreieinhalb Monate Corona-Lockdown in Deutschland. Jetzt aber bitte kein „Waaas, so alt ist der Typ schon?“ (falls doch: Danke, sehr schmeichelhaft!). Sondern vielleicht eher ein „Aber war das nicht mega-schlimm zuhause mit drei Kids?“. Heute gibt es von mir darauf zumindest ein „Nein“!

Pech im Job, Glück in der Familie?

Eigentlich hätte ich meine Familie bis Mitte Juli so gut wie nicht sehen sollen. Seit Dezember stand fest, dass ich bis Ende Mai als Producer in einem neuen TV-Format nur nachts zum Schlafen nach hause kommen würde. Das übrigens auch am Wochenende und an den Feiertagen. Dazwischen bin ich noch auf eine andere Produktion nach Mexiko geflogen. Und der Anschluss-Auftrag bis Juli klopfte schon an.

Corona hämmerte da schon regelrecht an die Tür. Habe, konnte oder wollte ich vielleicht nicht hören. Schließlich hatte ich einen richtigen Lauf, holá! Vier gecancelte Rückflüge in Folge ließen mich maximal fürchten, zu spät zum nächsten Job zu kommen. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was zuhause los war. In Mexiko stand Corona nur im Kühlschrank.

Letzter Sonnenuntergang am Crew-Hotel in Mexiko

Eine Woche später wurde ich dann maximal gecancelt und war fürchterlich Job-los… Da Corona, die Schul- und Kita-Schließung und der Lockdown alles auf den Kopf gestellt hatten, war die letzte Woche im Auftrag ohnehin sehr anstrengend. Die Woche davor ebenso, körperlich und geistig aber viel mehr noch für meine Frau, alleine mit drei Kindern und ich auf einem anderen Kontinent. Jetzt, plötzlich, musste niemand mehr da raus. Und von draußen kam niemand mehr rein. Das einzige, was wir hatten, war: uns!

Vater-seelen allein

Einige werden es nicht nachvollziehen können, und ich kann es gut verstehen. Aber ganz persönlich fand ich die erste Corona-Zeit zuhause ab Ende März richtig „entspannt“. Meine Frau musste sich tatsächlich regenerieren, nicht nur weil sie zur Risikogruppe gehört, sondern auch, weil ihr der Stress richtig auf den Magen geschlagen ist. Naja, ich gebe zu, seit Jahresanfang gerne mal die „Hauptverdiener-Keule“ geschwungen zu haben, wenn ich (berechtigte!) Auszeit-Pläne bei ihr gewittert habe. Mag sein, dass sich das zusätzlich rächte.

Quatsch machen am Morgen, während die Mama noch schläft

Umso richtiger fühlte es sich jetzt an, dass die dreifache Jungs-Mama endlich ausschlief. Je länger, desto besser. Positiver Nebeneffekt: Ich konnte mir selbst auf die Schulter klopfen, wenn ich die Jungs bis 10 oder länger im Zaum gehalten hatte, ohne die Mama zu wecken. Ihr wisst schon: Schulterklopfen = voll wichtig für Männer. Negativ wirken könnte dagegen, dass die Jungs nun merken, was für ein Vollpfosten ich im Haushalt bin. Vollpfostigkeit im Haushalt = nicht selten, dennoch verstörend fürs Ego des Manns.

Super-Papa Kinder-Versorger-Instinkt

Hhm, und dann kam er in mir durch, der Super-Papa Kinder-Versorger-Instinkt, und ich fing an mit ORANGEN-PRESSEN! Dem Hang folgend, die Familie in der Krise gesund zu ernähren (ähm, das ging natürlich ganz allein von mir aus), standen fortan Netze-weise Orangen auf der wöchentlichen Großeinkaufs-Liste. Was habe ich also gepresst, während ich täglich bis zu 2 Stunden (!) gefühlt Vater-seelen allein mit den 3 Kindern war.

Nun gut, schon in den ersten Tagen hat sich der Konsum dieses Self-Made Soft-Drinks in die Abendstunden verlagert. Dennoch hatte ich meinen Fixpunkt am Tag gefunden, als Abschluss des Tages irgendwie sogar noch besser als zwischendurch. Total banal und von Hand gepresst hatte ich etwas „produziert“, dessen Sinn selbst meine drei Jungs auf Anhieb erfasst hatten: Gesund bleiben, mit lecker Saft. Und dafür nimmt sich Papa Zeit, die er sich unter normalen Umständen nicht nehmen würde – übrigens nicht nur, weil er kriechlangsam dabei ist.

Saft schafft Kraft – nicht nur bei Corona

Warum erzähle ich diese Saft-Story? Zum einen, weil sich die „normalen Umstände“ langsam wieder ihren Weg bahnen wollen – immer noch einen Tick zu früh, wie ich finde. Dabei ertappe ich mich selbst bei ganz individuellen Lockerungen. Als ich das Saft-Pressen zum ersten Mal vergessen hatte, fragten die Jungs noch zu später Stunde, wo denn ihr Orangensaft bliebe. Da konnte ich auf die Schnelle noch einen machen. Heute muss ich immer öfter sagen: Sorry, Jungs, ich habe gerade keine Zeit, oder schlimmer noch: Sorry, Jungs, Orangen sind aus.

Der Mittlere und der Kleinste in Zuschauer-Position

Zum anderen zeigt mir diese ganz eigene Corona-Episode, dass man die Zeit mit Kindern und der Familie nicht mit irgendetwas aufrechnen kann. Wir Familien verbringen nun alle viel zusätzliche Zeit gemeinsam zuhause. Jeder findet dort ganz unterschiedliche Voraussetzungen vor, plus Kinder, die von ihrem Wesen her verschiedener nicht sein könnten. Doch ihnen – wie auch immer begründet – einen Geld-Verlust beizumessen, passt für mich einfach nicht zusammen.

Ich habe schon verstanden, die Kinder, wie zuletzt geschehen, einer wirtschaftlichen Denke unterzuordnen, war symbolisch gemeint (?!). Der Schuss kam wahrscheinlich sogar an der richtigen Stelle an. Es bleibt dennoch ein Geschmäckle.

Ein Hoch auf die Gaga-Eltern!

Unzählige Eltern gehen auf dem Zahnfleisch. Daran besteht kein Zweifel. Und viele von uns würden sich im Bereich Sozial- und Familienpolitik oft mehr Weitsicht und Tempo wünschen. Einen Top-Gewinn können wir vielleicht aber ganz ohne Unterstützung „von oben“ erzielen: Und zwar dass wir selbst dafür sorgen, dass nur die bestmöglichen, positiver Momente in Erinnerungen bleiben, bei unseren Kindern und uns selbst, trotz oder gerade wegen dieser außergewöhnlichen Corona-Zeiten.

Anders gesagt: einfach mal die Gaga-Aktionen der Eltern highlighten und weiter kultivieren! Ich hoffe, meine Kinder werden sich später einmal fragen, was eigentlich damals in den Papa gefahren ist, als er wie ein Bekloppter, tagein, tagaus Orangen ausgepresst hat. Und ich werde mich bestimmt eines Tages im Wahnsinn der Arbeit einmal fragen, ob ich nicht einfach mal wieder stupide Orange pressen kann…

Apropos aufrechnen: So ein Sack Orangen ist echt teuer!

2 Gedanken zu „Auch Corona-Eltern? Nee, Orangen-Presse!“

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